Re:publica 09, mein ganz persönlicher Rückblick

Auf die diesjährige Re:publica habe ich mich schon lange gefreut. Die Re:publica 08 habe ich leider verpasst. Dafür hat mein Blog seit Anfang Dezember das Re:publica 09 Banner getragen und ich kam somit in den Genuss eines Earlybird Blogger Tickets. Es hat sich gelohnt.

Die Location mit Friedrichstadtpalast und Kalkscheune war eine gute Wahl, besonders für mich. Mein Büro ist nur eine S- bzw. U-Bahnhaltestelle weg, beim herrschenden Sonnenschein während der #RE09 habe ich den Weg sogar zu Fuß zurückgelegt.

Der erste Tag begann mit kurzem Anstellen, um an das weiße Armbändchen und das große Umhängeschild zu kommen. Hier hatten die Organisatoren den Zeitaufwand für das Einchecken der Besucher wohl etwas unterschätzt. Insgesamt lief es aber augenscheinlich reibungslos, wenn auch langsamer als erhofft. Daher verzögerte sich die Keynote von Jonny Häusler gefühlt um eine Stunde, was der Veranstaltung aber keinen Abbruch tat. Die Keynote selbst fand ich sehr gelungen, besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Vergleich, dass das Radio 37 Jahre gebraucht hat, um 50 Mio Menschen zu erreichen, der IPod aber nur 2 Jahre für die gleiche Reichweite benötigt hat.

Der Vortrag von John Kelly brachte ein paar interessante Visualisierungen und Rückschlüsse über die globalen und lokalen Blogosphären.

Das anschließende Panel mit Herrn Knüwer, Herrn Niggemeyer, Herrn Basic, Herrn Pallenberg und Herrn Beckedahl fand ich eher durchwachsen. Es kam so ein bisschen das Gefühl auf, hier unterhalten sich etablierte A-Blogger und Journalisten. Bei Robert Basic hatte ich abwechselnd den Impuls, ihm zu applaudieren oder ihn auszupfeifen, sehr strange. Ähnlich ging’s mir mit Sascha Pallenberg, dessen lässig amerikanischer Stil mir wohl auch nicht so liegt.

Interessant war die etwas schleppend in Gang kommende Fragerunde insofern, dass die alte Frage, sollten Blogger mit Journalisten gleichgestellt sein, wieder aufgeworfen und wieder nicht schlüssig beantwortet wurde. Kurz kam sogar die Frage auf, ob man einen Bloggerverband oder eine Bloggergewerkschaft nach dem Vorbild des Journalistenverbandes gründen sollte.

Aus meiner Sicht tosender Unsinn, ich bin Blogger und kein Journalist. Ich brauche auch keinen Presseausweis, nicht mal einen Bloggerausweis. Als Blogger ist alles, was ich brauche, der URL meines Blogs. Wer mir Zugang zu Infos verschaffen will oder nicht, kann sich da informieren, ob er dort beschrieben werden will, viel direkter als ein Presseausweis und viel aussagekräftiger.

Die Abgrenzungsgrabenkämpfe zwischen etablierten Medien und der Blogosphäre sind Scharmützel, die andere gern kämpfen können, wenn sie wollen, die den Großteil der Blogosphäre aber wohl kalt lassen. Überholen ohne einzuholen, hier passt das Zitat von Walther Ulbrich tatsächlich.

Die anderen Vorträge des Tages habe ich, soweit möglich, per make.tv gesehen, aber dazu später mehr.

Der zweite Tag begann mit einem eher enttäuschenden Beitrag von Peter Schaar, dem Bundesdatenbeauftragten. Er begann mit ein bisschen Mehdorn-Bashing, aus meiner Sicht unnötig und schlechter Stil, vor allem aber zeigte es, dass er entweder schlecht über die Sachlage informiert war oder populistisch Punkte beim Publikum machen wollte.

Nachdem der folgende Vortrag auch eher Durchschnitt war, habe ich den Rest des Tages Büroarbeit erledigt und mich für Tag 3 gewappnet. Dadurch verpasste ich natürlich auch die Twitterlesung, die aber dank make.tv auch jetzt noch abrufbar ist.

Der 3. Tag begann mit einem sehr guten Vortrag von Jan Schmidt zum Thema “das neue Netz”, gefolgt von einem sehr engagiert vorgetragenen Beitrag von Esra’a Al Shafei, die die Initative “Free Kemal” beschrieb. Das anschließende Panel mit ihr und Mary C. Joyce machte die Unterschiede in der “Blogarbeit” sehr deutlich. Wo es im Westen um politische Einflussnahme oder Umweltschutz geht, geht es den Bloggern im Nahen Osten eher darum, ob und wie sie am nächsten Tag noch weiter bloggen können. Das entlarvt die eigenen Problemchen schnell als Luxusprobleme.

Danach füllte sich der F-Palast merklich, denn jetzt kam der von allen erwartete Auftritt von Jimmy Wales, einem der Väter der Wikipedia. Er hielt einen sehr lockeren und interessanten Vortrag über Wikipedia und Wikia. Seitdem weiß ich, dass die Muppets zwar in der Wikipedia mit 15 Artikeln vertreten sind, dafür in Südkorea so gut wie unbekannt sind. Aber es gibt bei Wikia ein eigenes Muppet-Wiki mit mittlerweile gut 20.000 Artikeln zu Kermit und Co.

Auch den daran anschließenden Vortrag von Cory Doctorov kann ich nur wärmstens empfehlen. Er beschäftigte sich mit dem Thema DRM und zeigte Parallelen zur Prohibition auf, die ein interessantes Licht auf die derzeitige Abkehr von DRM zumindest für Musikstücke zeigen. Der Kernsatz “If I have to choose between 30 mio. $ films and the internet I would kill the films” sprach wohl vielen Anwesenden aus der Seele.

Danach rief wieder das Büro, für mich also das Ende der Re:publica 09. Ich werde in jedem Fall nächstes Jahr wieder dabei sein. Nicht wegen der A-Blogger, oder weil es so toll ist, mit dem ständig unzuverlässigen WLAN zu kämpfen und dabei 1000 Mitleidende um sich zu wissen.

Ich fand die Atmosphäre sehr entspannt, wozu natürlich auch das Wetter beitrug, ich fand die Mehrzahl der Vorträge sehr interessant und auch die Gespräche, die sich so nebenbei ergaben. Unverständlich höchstens, warum die etablierten Medien, die Kamerateam-weise vor Ort waren, sich immer auf den selben Stenotyp kaprizierten, kahlgeschorene hagere Mittdreissiger mit schwarzrandigen Brillen. Ein Kamerateam kam sogar direkt auf mich zu, um dann schnell zum nächsten Kahlbrillenhagerblogger abzubiegen. Selbst Schuld, liebes ZDF, so entging euch dieses Feedback.

Die Kritik an der Re:publica 09, die vor allem in den etablierten Medien aber auch z.B. in der Netzeitung laut geworden ist, kann ich ehrlich gesagt nicht wirklich nachvollziehen. OK, es fehlte etwas am WLAN, vor allem, wenn knapp 500 Notebooks gleichzeitig im F-Palast ins Netz wollten. Wegen der technischen Probleme die ganze Veranstaltung schlecht zu schreiben, halte ich jedoch für völlig überzogen. Die Vorträge und die Interaktion unter den Teilnehmern waren das Ziel der Re:publica und das Ziel wurde, zumindest aus meiner Sicht voll erreicht. Danke Jonny, danke Marcus und danke allen, die mitgeholfen haben. Ihr habt einen Superjob gemacht. Mission accomplished!