Ein Lancia aus Lanciano

So ungefähr 1988 erstand mein Kommilitone Gerd eine alte Lancia Fulvia, ein filigranes Sportcoupe aus den frühen 70ern. Leider stellte sich nach dem Kauf heraus, dass die Fulvia etwas viel Rost um die Hüften aka Kotflügel hatte. Zusätzlich stellte sich heraus, dass die Ersatzteilbeschaffung problematisch werden würde. Der freundliche Italienerspezialist in Hannover hatte aber eine passende Lösung. Er hatte in Lanciano in Italien noch eine „gut erhaltene“ Fulvia, wenn auch ohne Motor.

Also kaufte Gerd noch eine Fulvia. Und, damit wir sie abholen konnten, gleich noch eine passende Reiselimousine mit Anhängerkupplung, einen Ford Consul 1700, ebenfalls aus den beginnenden 70ern dazu. Gelb mit schwarzem Vinyldach, 950 DM, knapp ein Jahr TÜV, 75 PS. Wir tauften ihn Oscar und beluden ihn mit allem, was wir für den dreitägigen Trip brauchen würden, mehreren Flaschen Hohes C, zwei Dosen Ravioli, etwas Ritter Sport und einem kleinen Benzinkocher.

Dann noch den Leihanhänger dran und los ging’s. Mit Tempo 80 von Hannover nach Italien in einem 75 PS Ford. Der Hinweg war relativ problemlos, der Ford lief gut. Man musste nur aufpassen, das der leere Anhänger nicht das Tanzen anfing. So ging es über die Alpen, durch Österreich nach Italien. Vorbei an Verona, Modena und Bologna, dann auf der Autostrada Adriatica an der Adria entlang. Unser Plan, auf einem Autobahnrastplatz zu übernachten, überstand die Realität nicht. Die paar Parkplätze waren brechend voll. Als wir vor Müdigkeit wirklich nicht mehr weiter kamen stellten wir uns in eine Parkbucht direkt neben der Autobahn. Jeder vorbeifahrende LKW ließ den Consul zur Seite wippen, aber das war uns egal.

Nach zwei oder drei Stunden machten wir uns wieder auf den Weg, zumindest bis zum nächsten Cafe in Pescara. Dort verinnerlichten wir jeder zwei oder drei Espressos und verließen die Autostrada, um im Landesinneren unseren Treffpunkt anzufahren. Also auf nach Lanciano, mitten in den Abruzzen. Die Straßen wurden enger und gelegentlich auch steiler. Die 75 PS von Oscar machten sich schon beim leeren Wagen limitierend bemerkbar. Als wir dann auch noch dem Rover V8 unseres Kontakts hinterher fahren mussten, war das Gaspedal mehrmals am Anschlag.

Plötzlich standen wir vor einer Villa im Rohbau. Nirgendwo eine Garage, wo also sollte die Fulvia stehen. Ganz einfach, im Wohnzimmer, eher dem Atrium. Sie stand da auch nicht allein, sondern befand sich in bester Gesellschaft. Ein Kantenhauber Alfa GTV, ein alter Topolino und mindestens ein Rundheck Alfa Spider leisteten der Fulvia Gesellschaft.

Nach einigem manuellen Rangieren hatten wir die Fulvia dann auf dem Anhänger. Außer dem Motor fehlte auch die Motorhaube. Von der Innenausstattung war auch nicht mehr viel zu gebrauchen und den Fußraum von Fahrer und Beifahrer hatte auch die Rostmotten gefressen. Aber Gerd brauchte ja nur die Radläufe.

Zurück zum Treffpunkt, der Villa des Fulviaverkäufers. Dort gab es, zubereitet von seiner Mutter, das beste italienische Essen, dass ich bis dato und seither gegessen habe. Derart gestärkt machten wir uns, zusätzlich gedopt durch mehrere weitere Espressos, wieder auf den Weg zurück zur Autostrada. Mit den zusätzlichen ca 750 Kilo Fulvia auf dem Anhänger war ich froh, als wir die Abruzzen verlassen hatten. Selbst die moderaten Steigungen auf der Autostrada wurden schon zur Geduldsprobe. Irgendwo zwischen Modena und Verona genehmigten wir uns dann noch eine Pause mit Orangensaft und Ravioli und machten uns bereit, die Nacht durch zu fahren, mittlerweile die zweite.

Der Aufstieg in die Alpen war mäßig mühselig, wurde von Oscar mit der Fulvia am Heck aber klaglos bewältigt. Spannend wurde es dann an der Grenze zwischen Italien und Österreich. Auf dem Hinweg waren wir nur ein alter Ford mit einem leeren Autoanhänger. Auf dem Rückweg waren wir ein Transporter mit zu verzollendem Frachtgut.

Den italienischen Zöllner interessierte das nicht. Er winkte uns einfach durch. Ganz anders die Österreicher ein paar hundert Meter weiter hinter der nächsten Biegung. Hier durften wir miterleiden, was Fernfahrer in den ausgehenden 80er Jahren in Europa so erlebten und erlitten. Wir mussten in einem ansässigen Speditionsbüro eine Sicherheitsleistung hinterlegen, die wir bei der Ausreise aus Österreich wiederbekommen würden. Nur so um sicherzugehen, dass wir unseren Schritt nicht einfach in die Alpen kippten, jedenfalls nicht in die österreichischen.

OK, eine halbe Stunden Verzögerung, zu verschmerzen und, aus Sicht Österreichs, auch verständlich. So zuckelten wir dann mit unserem leicht untermotorisierten Gespann, leicht übermüdet Richtung Deutschland. Dafür hatte Gerd sich speziell präpariert, das Fulvia-Wrack war als „Mitbringsel“ verzollbar, da es weniger als 750 DM gekostet hatte, wie aus dem Kaufvertrag hervorging. Der Grenzübertritt von Österreich nach Deutschland sollte also kein Problem werden. Wurde er aber, soviel sei schon verraten.

Unproblematisch war wieder einmal die Ausreise, diesmal aus Österreich. Wir bekamen das hinterlegte Geld zurück und ab ging’s an die deutsche Zollstation. Kaum waren wir drin, wurden wir nach dem Laufzettel gefragt. Den gab’s am Eingang des Geländes, dreihundert Meter weiter hinten. Also joggte Gerd durch den Nieselregen zurück und holte den Laufzettel. Jetzt hieß es warten. Ein paar der Fernfahrer hatten wir schon am südlichen Ende von Österreich kennengelernt. Sie hatten uns irgendwie adoptiert und gaben hilfreiche Tipps. Irgendwann waren wir dann dran und gerieten an ein bayrisches Urgestein von Zöllner. Er saß da an seinem Schreibtisch, nur durch eine Panzerglasscheibe von uns getrennt und frühstückte ein Radi, während er im Bayernkurier blätterte. Irgendwann nahm er uns gnädig zur Kenntnis und inspizierte unsere Ausweise. Zuerst meinen, den er erstmal beiseite legte. Dann Gerds, dann wieder meinen. „Auf dem Photo trage ich einen Bart, den ich mir gerade abrasiert habe“ gab ich als hilfreiche Zusatzinformation zum Besten. OK, nach einem weitere prüfenden Blick bekamen wir auch seine Unterschrift auf dem Laufzettel.

Jetzt noch schnell zur letzten Station, Laufzettel gegen Passierschein tauschen. Die Zollbeamtin hatte Gerd den Passierschein schon ausgehändigt, da überlegte sie es sich nochmal anders, forderte den Schein zurück und ließ uns an die Zollrampe zu einer kurzen Inspektion fahren.

Da die für LKWs gedacht war, ragte eigentlich nur die angehängte Fulvia über das Rampenniveau. Ein Zöllner mit umgehängter MP in Panzerkombi besah uns neugierig von oben und fragte, was wir hier wollten. „Ihre Kollegin möchte, dass Sie uns inspizieren“ war unsere Antwort. „Ja, die hat wohl einen schlechten Tag, machen Sie halt mal den Kofferraum auf“ war seine Erwiderung.

Der Kofferraum des Consuls enthielt die Reste unseres Abendessens, der der Fulvia noch weniger. „OK, das war’s, sie können dann weiterfahren. Allerdings muss einer von Ihnen jetzt noch den Laufzettel holen.“ Das erwischte dann wieder Gerd, der einen kleinen Spurt durch den Platzregen unternahm. Dafür chauffierte ich uns dann über die Grenze.

Das Frühstück nahmen wir dann auf einem Autohof kurtz hinter der Grenze ein, Wieder trafen wir einige Bekannte der vergangenen Nacht. Das Truckerfrühstück war opulent gut und günstig. Weiter ging die Reise zurück nach Hannover. Den nächsten Zwischenstopp in Geiselwind nutzen wir zum Verzehr extrem großer Wiener Schnitzel, wieder auf einem Autohof.

Spannend wurde es dann noch einmal auf der A7 zwischen Rhön und den Kasseler Bergen. Hier brachte das Consul-Fulvia Gespann bergauf nur noch knappe 70 km/h, was uns bei den Truckern nicht wirklich beliebt machte. Mehr war aus dem gut zwei Tonnen ziehenden 1700er aber beim besten Willen nicht mehr herauszuholen.

Nach knapp drei tagen waren wir, geschafft aber zufrieden, wieder in Hannover. Die Fulvia hatten wir in Hilter bei Osnabrück bei Gerd’s Mutter untergestellt. Was aus ihr geworden ist, ich weiß es nicht.

Oscar hatte leider kein Happy End. Als der TÜV fällig war, ergab eine kleine private Inspektion, dass er ohne erheblichen manuellen und finanziellen Aufwand diese Hürde wohl nicht nehmen würde. Also fuhren wir ihn gemeinsam zum Schrottplatz. Wer hätte damals gedacht, dass Oscar, der 1700er Ford Consul, irgendwann ein fast so gesuchtes Auto würde, wie die Lancia Fulvia, die wir mit ihm aus Italien geholt hatten.

Schreibe einen Kommentar