Tempora mutantur, Tux!

Allen, die wie ich, ihre altsprachlichen Kenntnisse hauptsächlichich aus der eingehenden Lektüre von Asterix Comics bezogen, sei obiger Satz kurz übersetzt:

Die Zeiten ändern sich, Tux!

Wie sich die Zeiten geändert haben, das will ich im folgenden einmal kurz und äußerst subjektiv beleuchten. Daß die Zeiten sich geändert haben, ist jedem, der schon länger der Spaßfraktion der Linux-Nutzer angehört deutlich und bleibt auch Neueinsteigern nicht mehr verborgen. Allein die Tatsache, dass es diese Neueinsteiger vermehrt gibt, zeigt, wohin die Reise geht. Linux wird nicht mehr auf Disketten in halbgeheimen Zirkeln auf Uni-Installationspartys weitergegeben sondern man findet es entweder im Buchhandel in diversen Versionen oder auf Heft-CDs und -DVDs von ComputerBild bis c’t.

Um mittels Linux ins Netz der Netze zu kommen, braucht man keine nächtelangen Installations- und Kernelkompilierungsorgien mehr durchzuführen, eine handelsübliche Linux-Distribution findet in einer knappen Stunden von der CD oder DVD fast schon allein ins Netz.

Eine Dualboot-Installation mit Windows, vor ein paar Jahren noch unter der Hand gehandeltes Wissen weniger eingeweihter Akolyten, läßt sich heutigentags mit jeder x-beliebigen Distribution auch von Einsteigern problemlos einrichten. Sogar NTFS erschließt sich langsam und noch etwas zögerlich den Installationsroutinen moderner Linux-Distributionen.

Red Hat ist keine kleine, nahezu unbekannte Softwareschmiede mehr, sondern zehrt von seinem erfolgreichen Börsengang und hat sich neuerdings sogar Teile des Netscape Enterprise Nachlasses einverleibt, um im immer bedeutender werdenden Geschäftskundenumfeld neue Produkte anbieten zu können und das Portfolio für Geschäftskunden, das verschiedene Enterprise-Varianten enthält, zu erweitern. Der Privatanwender wurde bei Red Hat schon letztes Jahr mit der Freigabe von Fedora als Open Source Ausgabe von Red Hat Linux mehr odere weniger aus dem zentralen Gewinnmaximierungsfokus entlassen.

SUSE ist seit Anfang 2004 keine eigenständige Firma mehr, sondern nunmehr eine Business Unit von Novell, denen der Kauf der kleinen aber feinen fränkischen Softwareschmiede seitens IBM mit einem kräftigen Zuschuss versüsst wurde. Seitdem ist Linux nun endgültig auch „a Novell Business“. Und langsam, ganz langsam wird der Name SUSE aus dem Gedächnis der Anwender gestrichen.

Im Bereich der Geschäftsdistributionen ist SUSE schon seit längerem sehr aktiv, SLES, der SUSE Linux Enterprise Server, hat in der Branche einen guten Namen und gilt als verlässliche Produktionsplattform. Und genau das hat Novells Interesse geweckt. Ximian allein, Anfang 2003 ebenfalls von Novell übernommen, reichte zu eigenem Engagement im Linux-Sektor nicht, Netware läuft nun mal unter Linux und nicht unter Gnome.

Und spätestens mit Erscheinen von SUSE Linux 9.2 wird die Besorgnis in der Gemeinde der SUSE-Anwender wachsen. Wird Geeko, das SUSE-Chamäleon überleben? Wird es weitere Endkundenversionen von SUSE Linux geben? Oder gar ein Open SUSE, sozusagen das SUSE-Pendant zu Red Hats Fedora Linux? Mir würde ja der Name Geeko Linux gefallen, oder vielleicht Open Geeko

Der erste Schritt wurde seitens Novell schon unternommen. Seit SUSE Linux 9.1 steht YaST unter der GPL. Damit ist es im Prinzip möglich, eine SUSE-nahe Distribution herauszubringen und YaST frei weiterzuentwickeln. Derzeit sind mir keine derartigen Bestrebungen oder Projekte bekannt, aber wer weiß.

In jedem Fall gibt es keinen Grund, einen Kahlschlag auf dem Sektor Distributionen für Privatanwender zu befürchten. Debian wird immer besser, Fedora ist ein gleichwertiger Ersatz für Red Hat, Mandrake hat dank seines innovativen Geschäftsmodells bis jetzt überlebt und auch sonst findet sich im weiten Feld der Linux Distributionen für jeden Geschmack, Anwendungsbereich und ggf. Geldbeutel das Richtige.

Daß sich Red Hat und Novell/SUSE mehr und mehr auf den Enterprise-Sektor fokussieren, ist eine normale Folge des Strebens nach positiven Bilanzen. Mit einer Endanwenderdistribution ist in Zeiten von DSL und Flatrate in naher Zukunft kein Geld mehr zu verdienen. Im Enterprise-Sektor dagegen wird das Geld nicht mit Installationsmedien verdient, sondern mit Support- und Wartungsverträgen mit zugesicherten Reaktionszeiten. Und genau dort befindet sich der Wachstumsmarkt mit dem größten Zuwachspotential. Wer will es kommerziellen Firmen wie Red Hat und Novell/SUSE also verdenken, wenn sie sich im Interesse ihrer Besitzer und im Interesse ihrer Angestellten auf dieses Geschäftsfeld mehr und mehr ausrichten.

Fazit, ja, Linux und die Firmen, die mitgeholfen haben, es aus den Kinderschuhen in die Serverräume der DAX50 Firmen zu bringen, sind reifer und erwachsener geworden. Positiver Effekt dabei ist die stetig steigende Benutzerfreundlichkeit und damit Akzeptanz des freiesten Betriebssystems von allen. Und den langsamen Wandel der führenden Distributionen hin zu Enterprise Linux wird die Community aushalten und verschmerzen, es bleiben genug Linux Distributionen für alle und es sieht nicht so aus, als würden es in Zukunft weniger.

Have fun,

Frank

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