Interview mit Linus Torvalds

Web Portal: Bitte wirf einen Blick in Deine Kristallkugel. Welches wird das bedeutendste und
aufregendste Ereignis für Linux in diesem Jahr sein?

Linus: Zzazzam.. Hokus Pokus.. Knirsch. Hmmmm. ENOKRISTALLKUGEL [1]. Scheint so, als
ob ich meine handliche Plastik-NichtZuFassenEsIstKeinKristall-Kugel verwenden müsste. Die ist nicht ganz so zuverlässig, aber wenigstens hat sie keinen Sprung.

Plastikkugel-Vorhersagen für das Jahr 2001:

  • Der Film „AntiTrust“ wird ein großer Erfolg. Miguel de Icaza entschließt sich daraufhin zum Umzug nach Hollywood, um eine Karriere als Schauspieler zu beginnen. Leider mißlingt dies und er endet als Darsteller einiger billigen Porno-Streifen. Nach seiner Entlassung aus der Reha-Klinik fährt er mit der Gnome-Entwicklung fort.
  • Telsa entschließt sich dazu, Alan Cox im Schlaf zu rasieren und die Haare zu schneiden. Schäumend vor Wut bemerkt Alan nicht, daß sie auch den schwarzen Anzug rausgelegt hat, den er normalerweise nur bei Beerdigungen trägt. Er stürmt davon und schwört, niemals zurückzukehren. Telsa bricht das Herz – sie wollte nur einen kleinen Scherz machen.
  • Drei Stunden später kommt Alan kleinlaut zurück, nachdem er von einem Haufen Teenager für ein verschollenes Bandmitglied von N’Sync gehalten wurde. Selbst Alan sieht die Ironie dieser Situation und beschließt, sich mit Telsa wieder zu vertragen – solange sie nicht mehr versucht, Witze zu machen.
  • Linus wird von der Polizei wegen zu schnellen Fahrens angehalten. Einer der Polizisten erkennt in ihm den vom FBI als #1-Drogenbaron gesuchten Luis „the tech“ Escobar. Nach einer wilden Verfolgungsjagd mit fast 40 mph auf der US101 im Berufsverkehr wird Linus schließlich festgenommen. Die weitere Linux-Entwicklung geschieht aus dem kalifornischen Landesgefängnis.

Bitteschön. Es sind nicht gerade gute Nachrichten, aber wir werden das Kind schon schaukeln.

Web Portal: Welche Entwicklung rund um Linux hat Dich im vergangen Jahr am meisten gefreut?

Linus: Ääh … Ich habe wirklich geglaubt, daß ich den 2.4er Kernel rausbringen wuerde. Zählt das?
Oder vielleicht das Haus, das mir Red Hat gekauft hat?

Web Portal: Wie schaffst Du es, die Arbeit am Kernel und bei Transmeta unter einen Hut zu
bringen und auch noch Zeit für Dein restliches Leben zu haben, ohne den 48-Stunden Tag
einzuführen? Und all das, ohne Dich zu zerreissen (wie Alan Cox, von dem es heißt, er sei aus
vielen Gnomen zusammengesetzt)?

Linus: Also, im Wesentlichen schaffe ich das, indem ich die Loorbeeren für die Arbeit anderer
Leute einheimse. Das funktioniert so ähnlich wie bei Tom Sawyers Zaunstreichen-Trick (frei nach
dem Motto:“ …wie bringe ich andere dazu, meine Arbeit zu machen …“) [2]. Das spart echt Zeit
und ist genau der Punkt, um den es bei Open Source geht. Natürlich geben Leute auch eine Menge
anderer Gründe an, warum Open Source Sinn macht, aber es läuft doch immer wieder auf das
Gleiche raus – „Hauptsache, ein anderer macht’s“. Ich verbringe eine Menge Zeit mit
Koordinierungsarbeiten und dem Lesen von E-Mails, aber tatsächlich werden mir zu viele
Lorbeeren angedichtet. Selbst ich schlafe gelegentlich.

Web Portal: Was war Deine beste und Deine schlechteste Erfahrung im Zusammenhang mit
Linux?

Linus: Die schlechteste ist keine Erfahrung, sondern eher ein Schuldgefühl, nicht immer die
Sachen zu machen, die andere Leute von mir erwarten. Da gibt es Leute, die mich um die
Teilnahme an Konferenzen bitten, an denen ich kein Interesse habe. Und da gibt es Leute, die in
mir mehr sehen als nur irgendeine Person; und die erwarten, daß ich für alles zur Verfügung
stehe.

Die beste Erfahrung ist so ziemlich das Gleiche, nur umgekehrt. Es macht wirklich etwas aus,
etwas Sinnvolles zu tun, an den meisten Tagen mit dem Gefühl aufzuwachen, etwas zu können
worin man gut ist, und was auch anderen Leuten wichtig ist.

Web Portal: Was ist aus dem Computer geworden, auf dem die erste Version von Linux
„geboren“ wurde?

Linus: Ich muß zugeben, daß ich das nicht weiß. Ich kann auch nicht sagen, daß es mich wirklich
interessiert: Ich ersetze Computer durch bessere, sobald ich mit dem letzten unzufrieden bin. Ich
habe wirklich überhaupt keine emotionalen Bindungen zu den Computern, die ich ausmustere.
Ich glaube, ich habe das originale Motherboard and Lasu (Lars Wirzenius) gegeben, sodaß er
seinen 386-25 auf meinen „stattlichen“ 386-33 mit 387 Co-Prozessor upgraden konnte. Er hat es
vermutlich irgendwann weggeschmissen. Da müsstet Ihr wohl besser ihn fragen.

[1] Fehlermeldungen des Kernels beginnen mit „E“.

[2] Weil er heimlich schwimmen gegangen ist, wird Tom Sawyer von seiner Tante dazu verdonnert,
an einem Samstag den Gartenzaun zu streichen. Zunächst ist er der Hänselei seiner Schulkollegen
ausgesetzt. Dann stellt er die Arbeit jedoch so dar, als ob sie Spaß macht. Die Kollegen werden
neidisch und reissen sich darum, selber den Zaun streichen zu dürfen. Er verkauft ihnen dieses
Recht fuer Murmeln und andere Schätze und hat deshalb abends sogar noch Zeit fuer eine kleine
Prügelei.

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